Vergänglichkeit

Lange war es besonders in elitären Kreisen umstritten, ob man Mode so einfach als Kunst deklarieren kann. Tendenziell wird die Mode mit ihren immer wechselnden Trends als oberflächlich und vergänglich aufgefasst. Heute stehen Designer*innen unter enormen Druck, jede Saison neue Entwürfe zu liefern – teilweise bis zu sechs Kollektionen im Jahr.

Ein Ideal der Kunst hingegen besteht in ihrer Beständigkeit. Genau diese Dauerhaftigkeit von Kunstwerken haben viele Künstler*innen in der Moderne aber infrage gestellt. Der Street-Art-Künstler Banksy zeigte das im Oktober 2018 sehr deutlich, als er während einer Auktion sein Werk girl with balloon sehr medienwirksam einfach zerschreddern ließ. Die Vergänglichkeit von Kunst durch Selbstzerstörung zu demonstrieren, steht in einer längeren Tradition.

Ähnlich wie der Schweizer Künstler Dieter Roth in den 1960er Jahren in seinen Schimmelbildern den Zerfall zum wesentlichen künstlerischen Prozess machte, nahmen sich Jahre später zwei Modedesigner dieser Arbeitsweise an: Der britische Designer Hussein Chalayan vergrub 1991 die mit Metallspänen gespickten Kleider seiner Abschlusskollektion mehrere Wochen unter der Erde und holte sie erst kurz vor der Show wieder hervor. In einer Art Ritual thematisierte er so den Tod und die Wiedergeburt von Mode.

Sein belgischer Kollege Martin Margiela ging einen ähnlichen Weg, als er für eine Ausstellung einige Kleider mit Bakterien bestrich, die den Stoff zersetzten. Die Betonung der Kurzlebigkeit von Mode spielt indirekt auch auf die sogenannte „Wegwerfmentalität“ an, auf die die Branche nun zunehmend reagiert. Nicht nur faire Kleidung, sondern auch Re- und Upcycling werden daher auch auf den internationalen Laufstegen ein immer beliebteres Thema.

Das niederländische Duo Viktor & Rolf zeigte 2016/2017 beispielsweise gleich zwei Kollektionen, die auf Stoffen ihrer alten Kollektionen bzw. auf Vintage-Kleidern basierten. So experimentieren Künstler*innen und Modedesignerinnen gleichermaßen mit dem Thema Vergänglichkeit, um ihre Werke in einem neuen Kontext wieder aufleben zu lassen und damit ein Zeichen zu setzen.

Aliena Guggenberger studierte Kunst- und Kulturgeschichte in Augsburg und Heidelberg. Schon vor ihrem Studium befasste sie sich mit den Parallelen zwischen Mode und Kunst. Momentan lebt sie in Karlsruhe und plant ihre Dissertation – ebenfalls zu einem Modethema.

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