Gewöhnungssache

Das Titelbild zeigt keine Mode von Rei Kawakubo, sondern ist ein Ausschnitt eines Outfits von Julia Schulze (Studentin HS Pforzheim), das in der Ausstellung „Kunst und Mode“ in der Jungen Kunsthalle zu sehen ist.

Die Modewelt der 1980er war stark geprägt von Größen wie Thierry Mugler oder Azzedine Alaïa. Schrille Farben und hautenge Stoffe sollten die weiblichen Kurven betonen. Kein Wunder also, dass es einen großen Aufschrei gab, als die japanische Designerin Rei Kawakubo (*1942) ihre ersten Kollektionen auf den Pariser Laufstegen präsentierte. Denn die Entwürfe ihres Labels comme des garçons waren alles andere als sexy und bunt. Die schwarzen, zerlöcherten und zerschlissenen Gewänder asoziierten die Modejournalist*innen mit der Atombombenexplosion in Hiroshima. Zusammen mit ihren anderen japanischen Designer-Kollegen, Issey Miyake und Yohji Yamamoto, prägte Kawakubo eine ganz eigene, der europäischen Mode fremde Formensprache. Die Presse tat sich zunächst schwer damit.

Genau das erinnert an ein ähnliches Phänomen in der Kunstwelt etwa 100 Jahre zuvor: Konservative Kritiker*innen bemängelten um 1875 die Malerei der Impressionist*innen, die sich unter anderem an Kompositionsmitteln aus der japanischen Kunst orientiert hatten. Bei den Gemälden wurden ganz ähnliche Aspekte wie später bei den Kleidern von Rei Kawakubo moniert: So zum Beispiel die Asymmetrie und das scheinbar Unfertige. Aber Kawakubo hörte nicht auf, die Ästhetik der Mode zu revolutionieren.

Legendär ist bis heute ihre Frühling/Sommer-Kollektion 1997 mit dem Titel „Body meets dress, dress meets body“. Hier polsterte sie den Körper der Models an willkürlichen Stellen aus und schuf so künstliche, buckelige Deformationen, die zunächst als hässlich wahrgenommen wurden. Damit stellte sie sich bewusst gegen die gewohnten Körper-Proportionen, die die weibliche Kleidung dominierte. Auch in aktuelleren Kollektionen verweigert sie sich dem westlichen, klassischen Schönheitsideal und erschafft so skulptural anmutende Kleidungsstücke.

Einen guten Überblick über Kawakubos Werke sieht man in diesem kurzen Video.

Aliena Guggenberger studierte Kunst- und Kulturgeschichte in Augsburg und Heidelberg. Schon vor ihrem Studium befasste sie sich mit den Parallelen zwischen Mode und Kunst. Momentan lebt sie in Karlsruhe und plant ihre Dissertation – ebenfalls zu einem Modethema.

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