Freiheit und Ästhetik

Die Mode des späten 19. Jahrhundert war geprägt von einer künstlichen Silhouette, die durch das eng geschnürte Korsett die Weiblichkeit betonen sollte, dabei aber den Körper ungesund deformierte. Nicht nur Ärzt*innen und Frauenvereine begannen deshalb um die Jahrhundertwende den Kampf gegen die aus Paris diktierte Mode. Auch einige Künstler*innen lieferten wertvolle Ideen zu einer neuen Mode, die sie – ganz im Sinne der Arts-and-Craft- und der Jugendstilbewegung – zum Kunsthandwerk zählten. Das sogenannte Reformkleid war geboren. Obwohl es nie um Männerkleidung ging, engagierten sich allen voran männliche Künstler wie der Belgier Henry van de Velde für die neue Frauentracht. Diese fiel ganz ohne Einengung lose herab und war gerade wegen dieses „sackartigen“ Schnitts bei vielen traditionellen Großbürgerinnen verpönt.

Nach und nach leisteten auch weibliche Pionierinnen, häufig die Ehefrauen der Künstler, wertvolle Aufklärungsarbeit. Am bekanntesten ist bis heute wohl Emilie Flöge, die mit ihren Schwestern in Wien einen Salon unterhielt und langjährige Lebensgefährtin Gustav Klimts war. Die Forderung von Anna Muthesius, jede Frau solle ihr eigener Künstler werden, blieb zunächst reine Theorie. Die Anpassung an den tatsächlichen Markt vollzog sich mühselig.

Japanischer Mantel von Emmy Schoch, 1911 © Badisches Landesmuseum

In Karlsruhe eröffnete Emmy Schoch (1881-1968) nach einer Ausbildung in Berlin 1906 ihre „Werkstätte für moderne Frauenkleidung“ in der Herrenstraße. Ihre Entwürfe richteten sich nach der jeweiligen Individualität und sollten auch weniger wohlhabende, selbstschneidernde Frauen ansprechen. Schoch unternahm zahlreiche Vortragsreisen durch deutsche Städte und zeigte in diesem Zuge ihre neuesten Kreationen. Von vielen Zeitungen als wahre Künstlerin gefeiert, ist sie heute neben französischen Kollegen wie Poiret oder Chanel allerdings vergessen. Ihren exotischen Mantel im Japan-Look, der 1911 auf der Ausstellung im Dresdner Hygienemuseum gezeigt wurde, kann man heute im Badischen Landesmuseum bestaunen.

Aliena Guggenberger studierte Kunst- und Kulturgeschichte in Augsburg und Heidelberg. Schon vor ihrem Studium befasste sie sich mit den Parallelen zwischen Mode und Kunst. Momentan lebt sie in Karlsruhe und plant ihre Dissertation – ebenfalls zu einem Modethema

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