Hervorgehoben

Kunst und Mode. Fashion Weeks in der Jungen Kunsthalle – Der Blog

Kunst und Mode begegnen uns täglich, wenn wir es auch nicht zwangsläufig bewusst wahrnehmen. Das fängt bei der Auswahl der eigenen Kleidung am Morgen an, geht über die Inhalte auf Instagram, die wir gefühlt ständig konsumieren, über den Schulunterricht, bis hin zu unseren Lieblings-Netflixserien, in denen Kunst und Mode immer auch irgendwie eine Rolle spielen. 

Die Ausstellung K&M – Kunst und Mode. Fashion Weeks in der Jungen Kunsthalle zeigt nicht nur, wie lange Mode auch in der Kunst schon ein Thema ist, sondern auch, wie aktuell die in der Kunst des 19. Jahrhunderts dargestellte Mode noch heute ist. Das verdeutlichen Mode-Studierende der Hochschule Pforzheim. Die haben anhand der Werke aus der Sammlung der Kunsthalle eigene Kleidungsstücke entworfen. Diese Kreationen werfen auch ein anderes Licht auf die Mode auf den Gemälden und verdeutlichen u.a. wie die damalige Art der Mode einschränkte.

Wir, die Ausstellungsmacherinnen von Kunst und Mode, wollen Euch durch den Blog mit hinter die Kulissen der Ausstellung in der Jungen Kunsthalle nehmen, Euch mit random facts unterhalten, Euch auf Themen rund um Kunst und Mode aufmerksam machen und Euch mit DIYs, Upcyclingideen und natürlich mit den modischen Kreationen der Mode-Studierenden der Hochschule Pforzheim inspirieren.

Hier erfahrt Ihr mehr über uns!

Wenn Euch unser Blog gefällt, dann kommt uns auch gerne in der Jungen Kunsthalle besuchen – der Eintritt ist frei!

Ausbruch aus der Monotonie

Der „Höhepunkt des Tiefpunkts“: So beschreibt Philipp Eyselein seinen Eindruck von Albert Langs Mädchenbildnis. Die dargestellte Frau verkörpert für ihn die Monotonie des Alltags, aus dem sie ausbrechen möchte. Um das darzustellen hat der Mode-Student Kleidungsstücke konzipiert, die am Anfang „gouvernantenhaft“, archaisch und streng wirken, die aber auf den zweiten Blick ihre Modernität und Freiheit enthüllen.

Das lässt sich an verschiedenen Details sehen: Während sich das Oberteil an Schnitt und Form der Kleidung des porträtierten Mädchens orientiert, kontrastiert die geschlitzte Hose den vermutlich bodenlangen und zu dieser Zeit üblichen schweren Rock. Gerade die Hose ist ein Kleidungsstück, das noch nicht all zu lange ein nicht mehr wegzudenkender Teil der Frauenmode ist.

Das Outfit von Philipp Eyselein gewährt Beinfreiheit durch Schlitze und elastische Netzstrumpfhose.

Der Beinschlitz sorgt nicht nur für eine freiere Bewegung, sondern gibt auch den Blick auf die Netzstumpfhose frei. Es ist eine kleine ironische Anspielung auf das „Angezogen sein“: Obwohl man bekleidet ist, ist die Strumpfhose alles andere als blickdicht.

Die Bluse hat der angehende Designer durch ein Gerüst an den Schultern verstärkt, so dass diese breit erscheinen und die Bluse ihre Form behält. Es gibt außerdem keinen engen Abschluss des Oberteils, wie es beim starren Oberteil des Mädchenbildnisses der Fall ist. Im Gegenteil – die Bluse flattert geradezu.

Philipp Eyselein erläutert seinen Weg vom Gemälde zum fertigen Outfit

In der Farbwahl beschränkte sich Philipp Eyselein auf Schwarz. Somit drückt er die immer gleichbleibende Routine aus, dennoch ist Schwarz nicht gleich Schwarz! Durch die Kombination unterschiedlicher Stoffe mit unterschiedlichen Oberflächen erreicht er feine Abstufungen und Nuancen in der auf den ersten Blick monotonen Farbigkeit.

Modekünstler*innen VI

Vergänglichkeit

Lange war es besonders in elitären Kreisen umstritten, ob man Mode so einfach als Kunst deklarieren kann. Tendenziell wird die Mode mit ihren immer wechselnden Trends als oberflächlich und vergänglich aufgefasst. Heute stehen Designer*innen unter enormen Druck, jede Saison neue Entwürfe zu liefern – teilweise bis zu sechs Kollektionen im Jahr.

Ein Ideal der Kunst hingegen besteht in ihrer Beständigkeit. Genau diese Dauerhaftigkeit von Kunstwerken haben viele Künstler*innen in der Moderne aber infrage gestellt. Der Street-Art-Künstler Banksy zeigte das im Oktober 2018 sehr deutlich, als er während einer Auktion sein Werk girl with balloon sehr medienwirksam einfach zerschreddern ließ. Die Vergänglichkeit von Kunst durch Selbstzerstörung zu demonstrieren, steht in einer längeren Tradition.

Ähnlich wie der Schweizer Künstler Dieter Roth in den 1960er Jahren in seinen Schimmelbildern den Zerfall zum wesentlichen künstlerischen Prozess machte, nahmen sich Jahre später zwei Modedesigner dieser Arbeitsweise an: Der britische Designer Hussein Chalayan vergrub 1991 die mit Metallspänen gespickten Kleider seiner Abschlusskollektion mehrere Wochen unter der Erde und holte sie erst kurz vor der Show wieder hervor. In einer Art Ritual thematisierte er so den Tod und die Wiedergeburt von Mode.

Sein belgischer Kollege Martin Margiela ging einen ähnlichen Weg, als er für eine Ausstellung einige Kleider mit Bakterien bestrich, die den Stoff zersetzten. Die Betonung der Kurzlebigkeit von Mode spielt indirekt auch auf die sogenannte „Wegwerfmentalität“ an, auf die die Branche nun zunehmend reagiert. Nicht nur faire Kleidung, sondern auch Re- und Upcycling werden daher auch auf den internationalen Laufstegen ein immer beliebteres Thema.

Das niederländische Duo Viktor & Rolf zeigte 2016/2017 beispielsweise gleich zwei Kollektionen, die auf Stoffen ihrer alten Kollektionen bzw. auf Vintage-Kleidern basierten. So experimentieren Künstler*innen und Modedesignerinnen gleichermaßen mit dem Thema Vergänglichkeit, um ihre Werke in einem neuen Kontext wieder aufleben zu lassen und damit ein Zeichen zu setzen.

Aliena Guggenberger studierte Kunst- und Kulturgeschichte in Augsburg und Heidelberg. Schon vor ihrem Studium befasste sie sich mit den Parallelen zwischen Mode und Kunst. Momentan lebt sie in Karlsruhe und plant ihre Dissertation – ebenfalls zu einem Modethema.

Die Herrscherin

Zwei Aspekte von Albert Langs Mädchenbildnis haben die Aufmerksamkeit der angehenden Designerin Maria Welter auf sich gezogen: das Buch in der Hand der Frau und die Komposition des Bildes. Darauf fokussierte sie sich, als sie ihre Outfits konzipierte.

Zunächst setzte sie sich mit der Symbolik des Buches auseinander. Was bedeutete es damals, sich mit einem Buch porträtieren zu lassen? Möglicherweise war die junge Frau belesen und wissbegierig. Oder hält sie vielleicht eine Bibel in der Hand und zeigt den Betrachtenden somit, dass sie gläubig ist und ein tugendhaftes Leben führt? Kleine Büchlein, Stickzeug oder Schmuck mit einem Kreuz waren im 19. Jahrhundert häufige Attribute für die tugendhafte Frau.

Für die Mode-Studentin stellte sich die Frage, welche Attribute es wohl heute wären und wie man die Dargestellte mit dem Buch aus heutiger Sicht beschreiben würde. Ihr Vorschlag: „Belesen, trainiert, diszipliniert, gepflegt, reiselustig, liebevoll, selbstbewusst, selbstreflektiert und ambitioniert“. All diese Aspekte ließ sie in die Überlegungen zu ihrer Kollektion einfließen. „Meine Persona ist eine Clanchefin, die in ihrem Freundeskreis die Mutterrolle spielt. Sie ist ein
Wegweiser für ihre Umgebung, die ihre Freund*innen, Familie und Bekannte durch schwierige Zeiten führt und viel Kraft und positive Energie ausstrahlt“, erklärt Maria.

Die Komposition des Gemäldes sowie die Haltung der jungen Frau erinnerten sie außerdem an die Tarotkarte „Die Herrscherin“. Mit selbstbewusstem Blick schauen sowohl die Herrscherin, als auch das Mädchen in die Ferne. Für ihre Kollektion ließ sie das Mädchenbildnis und die Tarotkarte verschmelzen. Das kann man zum Beispiel in den Farben des Outfits erkennen: Das Hellblau und das Gelb des Oberteils spiegeln den Wasserfall und das Weizenfeld im Hintergrund der Karte.

Outfit von Maria Welter

Das Outfit ist ein starker Look: Das samtene Jackett gebietet Macht, der feminine Rock entpuppt sich erst auf den zweiten Blick als eine Hose. Die horizontalen Raffungen der blauen Bluse nehmen die Raffungen im Oberteil der Dargestellten auf.

Verborgene Emotionalität hinter zarter Perfektion

Hinter der Fassade des „braven“ Mädchens liegt ein eigener kleiner Kosmos: Beim Betrachten des Mädchenbildnisses von Albert Lang sah die angehende Designerin Julia Schulze zuerst eine gewisse Bravheit und angestrebte Perfektion der Dargestellten. Dann fielen ihr jedoch Details auf, wie die vom Knoten gelösten Haare am Nacken, die die Illusion von Perfektion brechen und die uns die verborgene Emotionalität dieser Figur zeigen. Von diesem scheinbaren Dualismus hat sich die Mode-Studentin für ihre Kleidungsstücke inspirieren lassen.

Den Kontrast von angenommener Selbstbeherrschung und verborgener Gefühlswelt stellt Julia Schulze sowohl durch die Materialauswahl, als auch durch verschiedene Handarbeitstechniken dar. Die leichten, transparenten Stoffe in weißen und rosa Nuancen symbolisieren die „öffentlich sichtbare und körperlos perfekte, angepasste Seite der Persona“, so die Modestudentin, während die ungleichen und unebenen gestrickten und gewebten Flächen „das verborgene emotionale, vielseitige Innenleben der Frau zeigen“.

Um diese Verborgenheit darzustellen, hat sie die Handarbeitsoberflächen teilweise in der Innenseite „versteckt“: Durch Druckknöpfe und Gummizüge können die bestrickten Parts nach oben geklappt werden, so dass eine voluminöse Jacke entsteht. Das Zarte liegt somit im Inneren. Eingearbeitete Rosenblüten stehen in ihrer Kollektion symbolisch für Zartheit und Schönheit, doch bleibt von ihrer Perfektion nicht viel, denn sie welkt sehr schnell.

Julia Schulzes Entwürfe vereinen die Vergangenheit und die Zukunft sowohl durch ihre Formen und ihre Materialen, als auch durch ihr Kollektionskonzept. Es vermittelt auf eine gleichsam offensichtliche und subtile Weise einen Zwiespalt der gesellschaftlichen Rolle der Frau.

Stopp, es reicht!

Dieses Design hat es in sich! Unter den knalligen Farben und der auffälligen Form verbirgt sich, so der Designer, eine einst zurückhaltende Frau, die sich nun entfalten und aus dem Schatten treten möchte – und dabei kommt ihre provokante Seite zum Vorschein.

Der Designer Jan Hartmann selbst sagt dazu: „Mit aggressivem Verhalten radikaler Farbaufteilung möchte sie auf sich aufmerksam machen und zeigen, dass sie genauso ein Recht auf Freiheit hat wie die Männer.“ So lässt sich das zugrunde liegende Konzept dieser Kollektion gut umschreiben, denn es geht um den radikalen Ausbruch aus einer erdrückenden Situation.

Ausgangspunkt war das Mädchenbildnis von Albert Lang aus dem Jahr 1870.

Der starke Kontrast zwischen den schwarzen Teilen und dem weiß-roten Muster stellt genau dies dar. Zurückhaltung durch die schwarzen Parts und das Rot mit Weiß, das „Aufbruch“ schreit. Dieser Eindruck wird von der klaren farblichen Abgrenzung nur unterstützt, die Flächen sind kantig und die Grenzen klar gezogen. Es ist der Weg einer „Marionette der Männer, bis hin zur zerstörerischen Kämpferin“.

Detail der Jacke. Design: Jan Hartmann

Auf das ursprüngliche Gemälde bezogen bedeutet dies, dass für Jan in der scheinbar braven und zurückhaltenden Frau eine Kämpferin schlummert, die irgendwann plötzlich ausbricht und sich in diesem provokanten Design präsentiert. Er bezieht sich dabei viel auf Revolution und die radikal-feministische Bewegung, von welcher auch die Farben Rot und Weiß stammen.

Researchboard von Jan Hartmann.

In vielen Ländern und Kulturen kämpfen Frauen nach wie vor hart um ihre Rechte, einige auch mit der hier beschriebenen und dargestellten Aggression und Provokation. Jan Hartmanns Kollektion beschäftigt sich mit diesem nach wie vor aktuellen Thema.

Modekünstler*innen V

Gewöhnungssache

Das Titelbild zeigt keine Mode von Rei Kawakubo, sondern ist ein Ausschnitt eines Outfits von Julia Schulze (Studentin HS Pforzheim), das in der Ausstellung „Kunst und Mode“ in der Jungen Kunsthalle zu sehen ist.

Die Modewelt der 1980er war stark geprägt von Größen wie Thierry Mugler oder Azzedine Alaïa. Schrille Farben und hautenge Stoffe sollten die weiblichen Kurven betonen. Kein Wunder also, dass es einen großen Aufschrei gab, als die japanische Designerin Rei Kawakubo (*1942) ihre ersten Kollektionen auf den Pariser Laufstegen präsentierte. Denn die Entwürfe ihres Labels comme des garçons waren alles andere als sexy und bunt. Die schwarzen, zerlöcherten und zerschlissenen Gewänder asoziierten die Modejournalist*innen mit der Atombombenexplosion in Hiroshima. Zusammen mit ihren anderen japanischen Designer-Kollegen, Issey Miyake und Yohji Yamamoto, prägte Kawakubo eine ganz eigene, der europäischen Mode fremde Formensprache. Die Presse tat sich zunächst schwer damit.

Genau das erinnert an ein ähnliches Phänomen in der Kunstwelt etwa 100 Jahre zuvor: Konservative Kritiker*innen bemängelten um 1875 die Malerei der Impressionist*innen, die sich unter anderem an Kompositionsmitteln aus der japanischen Kunst orientiert hatten. Bei den Gemälden wurden ganz ähnliche Aspekte wie später bei den Kleidern von Rei Kawakubo moniert: So zum Beispiel die Asymmetrie und das scheinbar Unfertige. Aber Kawakubo hörte nicht auf, die Ästhetik der Mode zu revolutionieren.

Legendär ist bis heute ihre Frühling/Sommer-Kollektion 1997 mit dem Titel „Body meets dress, dress meets body“. Hier polsterte sie den Körper der Models an willkürlichen Stellen aus und schuf so künstliche, buckelige Deformationen, die zunächst als hässlich wahrgenommen wurden. Damit stellte sie sich bewusst gegen die gewohnten Körper-Proportionen, die die weibliche Kleidung dominierte. Auch in aktuelleren Kollektionen verweigert sie sich dem westlichen, klassischen Schönheitsideal und erschafft so skulptural anmutende Kleidungsstücke.

Einen guten Überblick über Kawakubos Werke sieht man in diesem kurzen Video.

Aliena Guggenberger studierte Kunst- und Kulturgeschichte in Augsburg und Heidelberg. Schon vor ihrem Studium befasste sie sich mit den Parallelen zwischen Mode und Kunst. Momentan lebt sie in Karlsruhe und plant ihre Dissertation – ebenfalls zu einem Modethema.

Was man über Fast Fashion wissen sollte

Der Greenpeace Fast Fashion Report offenbart Folgendes:

Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa und den USA möchten immer häufiger neue und günstigere Kleidung haben.
Jedes Jahr werden weltweit bis zu 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert – und ebenso viel produzierte Kleidung landet wieder im Müll und wird vernichtet, weil sie entweder nicht verkauft wurde oder angeschmutzt ist oder nur einen kleinen Fehler aufweist.
Rechnet man das um, könnte jeder Mensch auf der Welt circa 10 neue Kleidungsstücke im Jahr kaufen!
Durchschnittlich kauft tatsächlich jede*r Deutsche rund 60 neue Kleidungsstücke im Jahr.
Bis zu 40% unserer Kleidung tragen wir selten oder nie.
Früher gab es 4 Modekollektionen jährlich entsprechend der Jahreszeit.
Heute bringen die Unternehmen bis zu 12 Kollektionen im Jahr in die Läden.

Die Zahlen sind dem Greenpeace Fast Fashion Report entnommen, in dem das Thema ausführlich beleuchtet wird.

Frozen in time – shifting away

Was mich an dem Bild fasziniert, ist der Fakt, dass wir heute seine ursprüngliche Intention, seinen Kontext nur erraten können“, so Ruben, „es hat sich die letzten 130 Jahre durch die Zeit bewegt, während es oberflächlich aufgrund seiner abbildenden, aufzeichnenden Natur gleich geblieben ist.“

Gemälde sind, wie Mode auch, ein Zeugnis ihrer Zeit. Betrachter*innen werden heute vielleicht andere Dinge auf ihnen entdecken und sie anders wahrnehmen und interpretieren als damals. Weil die Zeit niemals still steht, wird es immer eine gewisse Kluft geben zwischen den Realitäten damals und heute. „Wie sehr wir auch versuchen, den Ursprung des Mädchenbildnisses  von Albert Lang nachzuvollziehen, es bleibt immer ein Riss, ein Spalt der Verschiebung zwischen der Frau im Bild und der Frau, wie wir sie heute sehen“, erklärt Ruben.

Einblick in die Ausstellung: Nach dem Zerlegen zu einem neuen Ganzen

Der Ansatz seiner Kollektion konzentriert sich deshalb auf diese Verschiebung zwischen der scheinbar unvergänglichen,  abgebildeten Frau und der ständig wechselnden Realität der Zeit. Was bedeutet es, in der Zeit gefroren zu sein und wie zeigt sich dieser Zustand? Dazu wurden ausgewählte historische Kleidungsstücke umgearbeitet, zerlegt, neu zusammengesetzt und ihre Volumen verschoben. So entsteht ein Bruch zwischen der einstigen Form und dem neuen Outfit.

Detailansicht des Ärmels

Besonders interessant: Ruben experimentierte für die Kollektion mit verschiedenen Falttechniken und Oberflächen. Stoffe werden beispielsweise mit einem Firnis überzogen, gefaltet und gehärtet. Das Gegeneinander verschiedener Oberflächen verleiht dem Outfit einen vielseitigen Charakter –  wie dem Mädchen auf dem Bild.

Modekünstler*innen IV

Freiheit und Ästhetik

Die Mode des späten 19. Jahrhundert war geprägt von einer künstlichen Silhouette, die durch das eng geschnürte Korsett die Weiblichkeit betonen sollte, dabei aber den Körper ungesund deformierte. Nicht nur Ärzt*innen und Frauenvereine begannen deshalb um die Jahrhundertwende den Kampf gegen die aus Paris diktierte Mode. Auch einige Künstler*innen lieferten wertvolle Ideen zu einer neuen Mode, die sie – ganz im Sinne der Arts-and-Craft- und der Jugendstilbewegung – zum Kunsthandwerk zählten. Das sogenannte Reformkleid war geboren. Obwohl es nie um Männerkleidung ging, engagierten sich allen voran männliche Künstler wie der Belgier Henry van de Velde für die neue Frauentracht. Diese fiel ganz ohne Einengung lose herab und war gerade wegen dieses „sackartigen“ Schnitts bei vielen traditionellen Großbürgerinnen verpönt.

Nach und nach leisteten auch weibliche Pionierinnen, häufig die Ehefrauen der Künstler, wertvolle Aufklärungsarbeit. Am bekanntesten ist bis heute wohl Emilie Flöge, die mit ihren Schwestern in Wien einen Salon unterhielt und langjährige Lebensgefährtin Gustav Klimts war. Die Forderung von Anna Muthesius, jede Frau solle ihr eigener Künstler werden, blieb zunächst reine Theorie. Die Anpassung an den tatsächlichen Markt vollzog sich mühselig.

Japanischer Mantel von Emmy Schoch, 1911 © Badisches Landesmuseum

In Karlsruhe eröffnete Emmy Schoch (1881-1968) nach einer Ausbildung in Berlin 1906 ihre „Werkstätte für moderne Frauenkleidung“ in der Herrenstraße. Ihre Entwürfe richteten sich nach der jeweiligen Individualität und sollten auch weniger wohlhabende, selbstschneidernde Frauen ansprechen. Schoch unternahm zahlreiche Vortragsreisen durch deutsche Städte und zeigte in diesem Zuge ihre neuesten Kreationen. Von vielen Zeitungen als wahre Künstlerin gefeiert, ist sie heute neben französischen Kollegen wie Poiret oder Chanel allerdings vergessen. Ihren exotischen Mantel im Japan-Look, der 1911 auf der Ausstellung im Dresdner Hygienemuseum gezeigt wurde, kann man heute im Badischen Landesmuseum bestaunen.

Aliena Guggenberger studierte Kunst- und Kulturgeschichte in Augsburg und Heidelberg. Schon vor ihrem Studium befasste sie sich mit den Parallelen zwischen Mode und Kunst. Momentan lebt sie in Karlsruhe und plant ihre Dissertation – ebenfalls zu einem Modethema

Interview mit Jan Hartmann

Was steckt hinter deinem Design? Wie ist dein Interpretationsansatz?
Mein Interpretationsansatz ist, dass die Frau sozusagen mit ihren Rechten mit der heutigen konfrontiert wird und dann aggressives Verhalten an den Tag legt.

Wie bist du zu zum Modestudium gekommen?
Für Mode interessiert habe ich mich schon immer und es ging so weit, dass ich mich dann auch vor meinen Eltern getraut habe, diesen Wunsch zu äußern. Meine Mama hat mir dann geholfen, einen Platz an der Modeschule zu finden.  Nach der Ausbildung zum Modedesigner dachte ich mir, dass ich das Ganze noch vertiefen will. Dann habe ich mich für Pforzheim entschieden, da mich der künstlerische Schwerpunkt am meisten überzeugt hat.

Weißt du schon, was nach dem Studium kommt?
Ich bin offen für alles. Ich muss auch nicht unbedingt in die Mode gehen, es gibt so viele Richtungen, so viele Arten von kreativen Arbeitsplätzen, die mit Gestaltung zu tun haben. Dinge wie Einrichtung interessieren mich auch. Ich sehe das einfach als Weg. Wo ich mich gerade sehe ist in der Mode aber in Zukunft … weiß ich nicht genau.

Wie lange dauert es von der Idee bis zum fertigen Outfit?
Je nachdem, um welche Kollektion es sich handelt. Bei dieser war es so, dass ich schon beim Midterm ein Outfit fertig hatte. Das kann man schlecht pauschalisieren und ist jedes Mal individuell.

Gibt es für dich ein Best/Worst am Modestudium?
Es ist einfach meine Leidenschaft, genau das will ich machen. Man hat viel dafür gearbeitet, dort studieren zu können. Natürlich gibt es Theoriestunden, die man vielleicht nicht so mag aber die sind ja auch sinnvoll und es gehört dazu, auch das zu lernen. Klar, der Zeitdruck ist krass, aber das wird als fertig Studierter auch nicht besser.  Fazit: es gibt kein Worst.

Hast du Tipps für am Modestudium Interessierte?
Wenn du keine Hobbys mehr haben möchtest und Nächte durchmachen willst … Wenn du Stress aushältst und Leidenschaft, Gefühl und Fleiß reinsteckst, dann klappt das schon.

Was ist deine Inspiration? Und hast du eine Modeikone?
Ich versuche so weit wie möglich, diese Einflüsse fernzuhalten. Durch meine Ausbildung habe ich schon gewisse Formen im Kopf und gewisse klassische Teile und möchte mich eigentlich nicht weiter von Mode in meinem Arbeitsprozess beeinflussen lassen. Ich nutze bei Boards oder Skizzen auch nie Modebilder von anderen Designer*innen. Ich arbeite mehr über Stimmungen und Emotionalität. Oft versuche ich auch, das mit passender Musik zu unterstützen und finde so die Formen.

Warum hast du dich für dieses Werk entschieden?
Ich habe das Mädchenbildnis gewählt, da es hat mich von der Stimmung und von den Farben her einfach angesprochen hat.  Es geschieht eigentlich gar nicht so viel auf dem Bild aber trotzdem hat es so eine Ausdruckskraft.

Wo kaufst du die Stoffe? Und wieso hast du diese Stoff-/Farbauswahl getroffen?
Ich kaufe meine Stoffe teils im Stoffladen und teils im Internet. Da ich schon relativ früh wusste, was ich wollte, hatte ich Zeit, die Stoffe im Internet zu bestellen, die ich dann auch verwendet habe. Die Stoffe die ich im Laden kaufe, kaufe ich immer sehr kurzfristig, die werden dann auch kurzfristig in die Kollektion noch mit einfließen.  Ich habe mich für die kontrastreichen Farben entschieden, da die Person auffallen möchte und das habe ich dann durch colour-blocking und sehr grafische Elemente umgesetzt.

Hattest du schon einmal eine „Krise“?
Kommt darauf an, wie man Krise definiert. Dass ich einen kompletten Stillstand hatte, gab es bei mir noch nicht. Im 4. Semester war es bei mir so, dass ich etwas an meinem Stil verändern sollte und dann hab ich an einem Wochenende alles umgeschmissen, weil ich das ganze Semester etwas falsch gemacht habe. Ich habe einfach weitergemacht und bin nicht daran verzweifelt, da ich wusste, dass der Punkt kommen wird, an dem es sich ändert und somit habe ich das nicht als Krise empfunden.

Was an deinem Outfit war am aufwändigsten?
Ich fand bei mir die beiden Oberteile wegen der Schnitttechnik am aufwändigsten, kann aber auch nicht sagen, welches aufwändiger war. Das eine hat jeden Zentimeter Absteppungen im Ärmel und das andere Oberteil hat dafür über 60 Schnittteile und auch Absteppungen.

Was gefällt dir am besten an deiner Kollektion? Worauf bist du stolz?
Ich habe zum Beispiel kein Lieblingsteil oder so, für mich sind es einfach der Gesamtlook und die Kombinationsmöglichkeiten, die mir gefallen. Dass ich zum Beispiel die Accessoires einfach kombinieren kann und es trotzdem passt. Stolz bin ich darauf, dass ich die Zeit hatte, lange daran herum zu feilen, die andere nicht hatten. Auchkonnte ich winzige Kleinigkeiten ändern, wie zum Beispiel Nähte um Millimeter versetzen, die es nochmal auf den Punkt gebracht haben.

War es schwer, sich an „alten Bildern/altertümlicher Mode“ zu orientieren und diese in einen modernen Kontext zu setzen?
Nein, es ist nur ein Hilfsmittel, das dir bei der Entwicklung der Kollektion dient. Man zerschneidet das Bild in 1000 Teile und nimmt sozusagen das 999ste Stück davon und nutzt das für die Kollektion.

Dein Berufswunsch?
Modedesigner.